Der Sonntag Allerheiligen und der

 

Sonntag Aller Heiligen Russlands

 

Am ersten Sonntag nach Pfingsten begeht die orthodoxe Kirche Allerheiligen (Αγίων Πάντων). Mit diesem Fest schließt das Pentekostarion, die Zeit der seit Ostern liturgisch verwendeten Gesänge, ab. Das Fest ist zeitlich bewusst Pfingsten (von griechisch πεντηκοστή μέρα = der fünfzigste Tag) zugeordnet, denn die Orthodoxie erkennt in den Heiligen die Frucht des Heiligen Geistes. Der Sonntag Allerheiligen ist der Tag, an dem der verschiedenen Heiligen und ihrer ebenso unterschiedlichen Lebensgeschichten und Schicksale gedacht wird. Am Sonntag nach Allerheiligen - dem zweiten Sonntag nach Pfingsten - wird in den einzelnen orthodoxen Lokalkirchen das Gedächtnis aller lokalen Heiligen begangen, zum Beispiel in Russland das Gedenken aller Heiligen Russlands und in Griechenland das Gedächtnis aller Heiligen Martyrer unter den türkischen Joch.

 

Troparion aller Heiligen:

 

Als Erstlinge der Natur, / Herr, Gärtner der Schöpfung, / bringt die Welt Dir die gotttragenden Martyrer dar. / Auf ihre Fürbitte bewahre durch die Gottesgebärerin Deine Kirche, / Dein Volk in tiefem Frieden, // reicher Erbarmer.

 

 

 

 

Heilige und Heiligkeit

 

im Verständnis der Orthodoxen

 

Kirche

 

Im privaten und kirchlichen Gebet ruft der orthodoxe Christ die Allheilige Gottesgebärerin, seinen Schutzengel und die Heiligen um Hilfe an. Aber die Heiligen sind nicht ihrer eigenen Natur nach heilig, sondern durch ihre Verbindung mit Gott, vermöge deren sie an der Heiligkeit dessen der allein heilig ist, Teil nehmen. Sie helfen uns, aber nicht aus eigener Kraft, sondern mit der Kraft, welche die göttliche Gnade ihnen verleiht. Gott allein ist die Quelle alles Seins, der allein Gute und Gütige. Daher gebührt Gott allein die göttliche Anbetung (lateinisch adoratio, griechisch λατρεια) Den Engeln und Heiligen gebührt jedoch nur die Verehrung (griechisch δουλειά). (vgl. Erzpriester Alexeij Maltzew: Menologion I) Die Anrufung der Heiligen um ihre Fürbitte und ihren Beistand ist eine althergebrachte orthodoxe Sitte. Schon im Alten Testament ruft der heilige Prophet und König David aus: "Herr, Gott unserer Väter Abrahams und lsaaks und Jakobs". Durch die Erwähnung der gerechten Männer des Alten Bundes möchte der Psalmensänger sein Gebet unterstützen. Auch heute ruft die Orthodoxe Kirche "Christus, unseren wahren Gott, durch die Fürbitten Seiner Allreinen Mutter und aller Heiligen" an, sich der Gläubigen zu erbarmen und sie zu erretten.

Die Lebensbeschreibungen der neutestamentlichen Heiligen setzen mit der "Apostelgeschichte" des heiligen Evangelisten Lukas ein, denn hier wird uns der Bericht vom Wirken und Leiden des ersten Blutzeugen für Christus, des heiligen Erzdiakons Stephanus, überliefert. Der heilige Stephanus war der erste von sieben Diakonen der Kirche in Jerusalem. Diese Diakone waren von den Aposteln durch Handauflegung geweiht worden, nachdem in der Kirche ein Konflikt zwischen den Mitgliedern mit griechischem Hintergrund und solchen mit traditionell jüdischem um die Frage der Versorgung von Witwen aufgetreten war. Die Diakone waren zu jener Zeit zugleich für die Glaubensverkündigung, wie auch für die sozialen Belange in der Kirche zuständig. (Apostelgeschichte 6, 1 - 7). Der heilige Stephanus war „ein Mann voll Gnade und Kraft und tat große Wunder und Zeichen unter dem Volke“ (Apostelgeschichte 6, 8). Durch eine seiner Predigten geriet der heilige Stephanus mit den hellenistischen, griechischsprachigen Juden in Jerusalem in Konflikt. Sie brachten ihn unter dem Vorwurf der Reden wider den jüdischen Tempel und das mosaische Zermonialgesetz mit falschen Zeugen vor den Hohen Rat (Apostelgeschichte 6, 9 - 15). Er durfte seine Verteidigungsrede, in der er seinen christlichen Glauben bekannte und den Vorwurf des Prophetenmordes und der Nichtbeachtung der durch Mose überlieferten Gebote erhob, nicht zu Ende führen. Die Richter sahen sein Antlitz wie das eines Engels strahlen, hielten sich aber die Ohren zu wegen seiner flammenden Verteidigungsrede, mit der er sein Bekenntnis zu Christus ablegte. Die in Apostelgeschichte 7, 2 - 53 wiedergegebene, eindrucksvolle Rede belegt, dass der heilige Stephanus schon vor den Missionsreisen des heiligen Apostels Paulus den universalen Anspruch des Glaubens an Christus verkündete. Dem heiligen Stephanus wurde am Ende seiner Rede eine Vision zuteil, in der er den Herrn Jesus Christus zur Rechten Gottes erblickte. Als er den Richtern dieses verkündete, wurde er von der aufgebrachten Menge als Gotteslästerer vor dem Damaskus- Tor gesteinigt.

Er sah den Himmel offen, kniete im Gebet nieder, vergab seinen Peinigern und übergab seine Seele in die Hände Gottes. (Apostelgeschichte 7, 54 - 60). Saulus von Tarsus, der spätere heilige Apostel Paulus, stimmte nach eigenem Bekunden der Hinrichtung zu und bewachte die Kleider der Zeugen, die gegen Stephanus ausgesagt hatten (Apostelgeschichte 22, 20). Die Steinigung des heiligen Stephanus war der Auftakt zu einer großen Christenverfolgung in Jerusalem (Apostelgeschichte 8, 1 - 3). Vom heiligen Nikodemus und dem jüdischen Gelehrten Gamaliel wurde der heilige Protomartyrer Stephanus dann auf dem Acker des Gamaliel in der Nähe des Garten Getsemani begraben. Dort befindet sich heute ein griechisches Kloster.

Auch in den folgenden Zeiten wurden die Berichte vom Leben und Wirken der Martyrer Christi durch Augenzeugen aufgezeichnet. Solche Aufzeichnungen bilden dann später ganze Bücher, die heute als Martyriologien bezeichnet werden. So ist die Ausbreitung der heiligen Kirche immer durch die vielfältigen Taten der Heiligen in Fasten, in Beten, in Werken der Barmherzigkeit, der Geduld, der Sanftmut, der Nächtenliebe und der unermüdlichen Predigt des Wortes Gottes als dem Weg zur Errettung, begleitet worden. Denn in der orthodoxen Verehrung der Heiligen spielt die "Widmung" des Menschen nach Gen 1,26 ff. – Abbild (griechisch εικόνα) und Ähnlichkeit Gottes zu sein, eine wichtige Rolle. Das Ziel des aus dem Glauben kommenden Lebens ist es gerade, in Gemeinschaft mit dem Schöpfer zu leben. Heilige sind deshalb nach Ansicht der Orthodoxen Kirche zunächst einmal Menschen, die diesen Weg der Nachfolge in besonders vorbildhafter Weise beschritten haben. Dabei ergeht aufgrund des durch Jesus Christus vollzogenen, allumfassenden Erlösungsmysteriums die Berufung zur Heiligkeit grundsätzlich an alle orthodoxen Christen als lebendigen Gliedern am Leib Christi (d. h. in der heiligen Kirche). So geht es im orthodoxen Verständnis der Heiligkeit am Ende eben nicht um eine bloße Verehrung einer "heilige Elite", sondern alle orthodoxen Christen sind in ihrer persönlichen Christusnachfolge dazu aufgerufen, sich durch das Wirken der göttlichen Gnade mehr und mehr in das Bild Christi verwandeln zu lassen. Bei den heiligen Vätern wird dieser Vorgang der permanenten Heiligung „Theosis“ Θεωσις genannt, das bedeutet „Vergöttlichung“ oder „göttlich Machung“. Der Begriff meint im Verständnis der Orthodoxen Kirche den Errettungsprozess des Gläubigen von der Unheiligkeit zur gnadenhaften Teilnahme an den Wirkkräften (ἐνέργεια) Gottes. Denn das heilige Leben in Gott beginnt und wächst mit Anstrengungen eines orthodoxen Glaubensleben in dieser Welt und findet am Ende dann seine Erfüllung in der beseligenden Schau Gottes, in der die Macht von Sünden und Tod endgültig überwunden sein werden. Die Welt der Heiligen, das ist die Welt jener Menschen, die in ihrem Leben die Gebote des Evangeliums gleichsam „verkörpert“ haben und die deshalb schon nicht mehr dem Fleische, sondern dem Geiste nach gelebt haben. Denn dort, wo der Geist lebt, stirbt das Fleisch; wo der Geist frei ist, dort wird das Fleisch gekreuzigt, und es gibt für die Sünde keinen Platz mehr, dort wo Christus ist. Aus diesem Grunde liegt auch im Lesen der Heiligenviten und das Nachdenken über sie für unsere Seelen ein großer Nutzen. An ihnen haben wir lebendige Beispiele des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu Gott und unseren Nächsten.

 

 

J

Jeder orthodoxe Christ hat in der heiligen Taufe seinen Vornamen von einem orthodoxen Heiligen empfangen. Dieser Namensheilige bestimmt den persönlichen Festkalender des orthodoxen Christen, denn weithin wird im christlichen Osten nicht der Geburts-, sondern der Namenstag begangen. Das ist der Gedenktag des Heiligen, dessen Namen der einzelne Christ als Vornamen trägt. Diesen Tag begehen gläubige orthodoxe Christen nach Möglichkeit mit dem Besuch des Gottesdienstes zu Ehren des Tagesheiligen. Anschließend wird der Namenstag dann im Kreise der Familie, der Taufpaten, Verwandten und Freunde festlich und zumeist auch fröhlich begangen.

Zusammengestellt von Thomas Zmija-Horjanyj unter teilweiser Verwendung des Textes von Priester Alexeij Tomjuk: Russisch Orthodoxe Kirche in Deutschland. Ihre Tradition, Glaube, Gottesdienst und Geschichte.