Wundertätige Ikone der allheiligen
Gottesgebärerin von Chełm

Zusammengestellt von Thomas Zmija von Gojan

Anlässlich der Feier der Göttlichen Liturgie mit unserer Gemeinde schenkte Seine Eminenz Erzbischof Abel von Lublin und Chełm unserer Pfarrkirche eine Kopie der wundertätigen Ikone der allheiligen Gottesgebärerin von Chełm.

Die Geschichte dieser wundertätigen Gottesmutter-Ikone ist eng mit der Geschichte der Stadt Chełm verknüpft. Chełm (ukrainisch Холм/ Cholm) ist eine Stadt im heutigen Polen in der Woiwodschaft Lublin unweit der Grenze zur Ukraine. In der Stadt leben etwa 68. 000 Menschen. Der Name Chełm leitet sich vom altslawischen Wort „Cholm“ ab, das „Hügel“ bedeutet. In der Zeit des Kiewer Reiches gehörte Chełm zum Fürstentum Halyč, das den Südwesten der Rus´ umfasste. Im Jahre 1220 wurde Chełm orthodoxer Bischofssitz und im Jahre 1240 wurde Chełm Hauptsitz der Fürsten von Halyč. Im Jahre 1366 wurde die Stadt Teil des Königreiches Polens und erhielt ebenfalls ein katholisches Bistum. Während der polnischen Teilungen fiel die Stadt im Jahre 1795 zunächst an das Habsburgerreich. Seit dem Jahre 1809 gehörte sie dann zum russischen Kaiserreich und wurde dort zur Provinzhauptstadt des gleichnamigen Gouvernements Cholm. Bei der Wiedergründung des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg war Chełm zunächst zwischen der Ukrainischen Volksrepublik und der Republik Polen umstritten, fiel dann aber endgültig an den wiedererstandenen polnischen Staat.

Ursprünglich Orthodoxe Kathedrale zu Ehren der Allheiligen Gottesgebärerin in Chełm
Ursprünglich Orthodoxe Kathedrale zu Ehren der Allheiligen Gottesgebärerin in Chełm

In der Mitte der Stadt, auf dem Chełmer Burgberg, befindet sich die ursprünglich orthodoxe Kathedrale zu Ehren der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Die Kathedrale wechselte im Laufe Ihrer Geschichte mehrmals die Gemeinden, denen sie als Gotteshaus diente. Ursprünglich als altrussisch-byzantinische Kreuzkuppelkirche für das orthodoxe Bistum erbaut, wurde sie von den unierten Basilianermönchen im 18. Jahrhundert durch eine Domkirche in der Formensprache des Spätbarock und Frühklassizismus (vollendet im Jahre 1756) ersetzt. Nach der Rückkehr der Unierten zur Orthodoxen Kirche wurde sie seit 1875 wieder als orthodoxe Bischofs- und Hauptkirche der Stadt genutzt. In den 1930er Jahren wurde sie dann vom polnischen Staat der orthodoxen Gemeinde weggenommen und der römisch-katholischen Mariengemeinde übergeben. Die römisch-katholische Nutzung der Kirche dauert bis zum heutigen Tage an. In der heute nach den Erfordernissen des römisch-katholischen Kultus ausgestatteten Basilika befindet sich ein Mariensanktuarium, in dem eine Kopie der ursprünglichen Ikone gezeigt wird.

Kopie der wundertätigen Ikone in der heute von den Katholiken genutzten Kathedrale in Chełm
Kopie der wundertätigen Ikone in der heute von den Katholiken genutzten Kathedrale in Chełm

Auch in der orthodoxen Kirche von Chełm, die dem heiligen Johannes den Theologen geweiht ist, wird eine Kopie der heiligen Ikone zur Verehrung durch die Gläubigen aufbewahrt.

Orthodoxe Kirche des Heiligen Johannes des Theologen in Chelm
Orthodoxe Kirche des Heiligen Johannes des Theologen in Chelm

Die wundertätige Ikone der allheiligen Gottesgebärerin von Chełm ist eine Kopie der Ikone der allheiligen Gottesgebärerin, die „Hodegetria“ (griechisch Οδηγήτρια, die Wegweiserin, Heerführerin) genannt wird. Die Bezeichnung „Hodegetria“ geht auf die, Hodegoi genannten, Führer zurück, die Blinde zu einer an der großen Handelsstraße von Konstantinopel gelegenen Kloster- und Wallfahrtskirche führten. Die Kirche wurde nach den Führern „Hodegonkirche“ genannt. In dieser Kirche wurde als Heiligtum über ein Jahrtausend lang die wundertätige Ikone der „Himmlischen Heerführerin Hodegetria“ aufbewahrt. Die heilige Ikone wurde nach Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer auf die Insel Zypern gebracht und befindet sich heute im dortigen Kykkos-Kloster. Der byzantinische Kirchenhistoriker Theodoros der Lektor berichtet, dass sich die Hodegetria-Ikone ursprünglich in Jerusalem befand. Von dort wurde sie durch die Kaiserin Eudokia ihrer Schwägerin, der Kaiserin Pulcheria (399-453), nach Konstantinopel mitgebracht. Jedes Jahr in der lichten Woche des Paschafestes veranstaltete man mit der Ikone eine feierliche Prozession rund um die Mauern der Stadt Konstantinopel. Dabei sang das Volk den Hymnus „Himmlische Heerführerin“, den wir auch heute noch am Ende der Lesung der Ersten Stunde anstimmen.

Ikone der allheiligen Gottesgebärerin „Hodegetria“
Ikone der allheiligen Gottesgebärerin „Hodegetria“

Charakteristisch für diesen Typus der Gottesmutterikone ist die stehend oder auch als Halbfigur dargestellte allheilige Gottesgebärerin. Sie trägt den segnenden Christusknaben auf dem linken Arm. Ihre Rechte ist zum Gestus der Fürbitte erhoben und zeigt auf Ihn. Neben der Chełmer Gottesmutter-Ikone gehören auch die Ikonen Smolenskaja, Tichvinskaja, Gruzinskaja, Jerusalimskaja, Iverskaja, Semiezerskaja und andere zum grundlegenden ikonographischen Typus der Hodegetria, unterscheiden sich aber von dieser durch einige Details. Auch die Dreihändige Ikone der allheiligen Gottesgebärerin aus den serbischen Athoskloster Chilandar und die unter den katholischen Gläubigen hochverehrte Muttergottes-Ikone der Immerwährenden Hilfe gehört zu diesem Typus von Muttergottes-Ikonen.

Muttergottes-Ikone von der Passion, von den katholischen Christen „Immerwährenden Hilfe“ genannt
Muttergottes-Ikone von der Passion, von den katholischen Christen „Immerwährenden Hilfe“ genannt

Auch die Chełmer Ikone der allheiligen Gottesgebärerin wird von der orthodoxen Überlieferung der Hand des heiligen Evangelisten Lukas zugeschrieben. Nach den altslawischen Chroniken wurde sie von der oströmischen (byzantinischen) Prinzessin Anna anlässlich ihrer Hochzeit mit den heiligen Apostelgleichen Großfürsten Vladimir in die Länder der Rus´ mitgebracht. Schon Fürst Daniil von Halyč schmückte die in der ganzen Rus´ hochverehrte, wunderwirkende Ikone mit einem golddurchwirkten Mantel und zahlreichen Juwelen. Im 18. Jahrhundert wurde ein vom Lubliner Goldschiedemeister Sebastian Nicewicz angefertigter silberner Oklad (Metallbeschlag, der nur das Gesicht und die Hände der Ikone unbedeckt lässt) an der Ikone befestigt. Im Jahre 1765 wurden Kronen über den Häuptern des Herrn und seiner Mutter auf dem Oklad angebracht. Zahllose Gebetserhörungen, Heilungen und Wunder werden über die Jahrhunderte von der Chełmer Ikone der allheiligen Gottesgebärerin berichtet. Ihr Gnadenbild wird von den Orthodoxen in ganz Polen und dem Westen der Ukraine hoch verehrt. In zahlreichen orthodoxen Kirchen, sowohl in der Ukraine als auch in Polen, und in vielen Häusern der Orthodoxen werden heute Kopien der Ikone aufbewahrt, vor denen sich die Gläubigen in ihren Nöten um Fürsprache an die allheilige Gottesgebärerin wenden.

Orthodoxe Prozession zu Ehren der Allheiligen Gottesgebärerin in Chełm.
Orthodoxe Prozession zu Ehren der Allheiligen Gottesgebärerin in Chełm.

Die ursprüngliche Ikone der allheiligen Gottesgebärerin von Chełm wurde im Jahre 1915 vor den Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieg nach Luzk (Луцк) in der Ukraine gebracht, wo die heilige Ikone heute in einem Museum aufbewahrt wird.

Ikone der Allheiligen Gottesgebärerin von Chełm im Museum in Luzk (Ukraine).
Ikone der Allheiligen Gottesgebärerin von Chełm im Museum in Luzk (Ukraine).