Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe Deutschlands 2010  

Aufging der Frühling des Fastens
und die Blume der Buße.
Lasset uns, Brüder,
von aller Befleckung uns reinigen.
Dem Spender des Lichtes
lasset uns singen und sprechen:
Ehre sei Dir,
einzig Menschenliebender!
(Idiomelon zu Vesper des Mittwochs der Woche der Tyrophagie) 

Liebe Väter, Brüder und Schwestern in Christus,
die gesegnete Zeit des „Fasten-Frühlings“ ist angebrochen, dieser Abschnitt des Kirchenjahres, der für uns Orthodoxe einen besonderen Segen mit sich bringt. Wir dürfen die einzigartige Atmosphäre dieser Tage und ihre Gottesdienste erleben. Wir dürfen die Freude ausstrahlende Traurigkeit sehen, fühlen und erfahren, welche die wahre Botschaft und Gabe der Fastenzeit darstellt. Ein zeitgenössischer orthodoxer Theologe bemerkt, dass die geistlichen Väter und die heiligen Schriftsteller, welche die Hymnen des Fasten-Triodions schufen, den allgemeinen Aufbau der Dienste der Fastenzeit erstellten und der Liturgie der Vorgeweihten Gaben die ihr eigene bemerkenswerte Schönheit verliehen, über ein einzigartiges Verständnis der menschlichen Seele verfügten.
Genau darum geht es in dieser Zeit: um den Menschen und seine Seele, um den Menschen als Person, um die Wiederentdeckung des Menschen als einem von Gott nach seinem Bild und Gleichnis erschaffenen Wesen. Gerade deswegen ist der Mensch berufen, sich als Person zu vollenden; denn Gott selbst ist eine Person. Gott Vater ist eine Person, Gott Sohn ist eine Person, Gott Heiliger Geist ist eine Person. Der Mensch ist erschaffen als Bild Gottes, lehren uns die heiligen Väter, und hat als Ziel seines Lebens, das Gleichnis Gottes, die „Vergöttlichung (Theosis)“ zu erlangen. So lehrt auch der große Erzbischof von Thessaloniki, Gregorios Palamas, dessen Gedächtnis heute, am zweiten Fastensonntag, in der ganzen orthodoxen Welt gefeiert wird. Er hat in seiner Zeit die biblische und orthodoxe Betrachtung des Menschen als eine vollkommene Einheit aus Körper, Seele und Geist gegen diejenigen verteidigt, die den Verstand des Menschen als das einzige vollkommene Element ansahen.
Die orthodoxe Tradition legt großen Wert darauf, in ihrem gottesdienstlichen und spirituellen Leben den Leib zu beteiligen, die Seele anzusprechen und den Geist zu erneuern. Auf dieser Grundlage ist die Große Fastenzeit aufgebaut. Durch das Fasten wird uns bewusst, dass unser Leib ein „Tempel des Heiligen Geistes“ ist. Durch das besondere „Klima“ der fastenzeitlichen Gottesdienste wird der im Griechischen mit dem paradoxen Wort „Charmolype“ bezeichnete charakteristische Zusammenklang von Freude und Traurigkeit in unserer Seele erzeugt. Durch den Inhalt dieser Gottesdienste wird unser Geist erneuert.
In der zeitgenössischen Kultur herrscht ein romantisches Bild vom Menschen. Wir wachsen in dem Glauben auf, dass der Mensch gut sei. Und wenn wir das Gegenteil erfahren, erleben wir eine Enttäuschung, die uns lähmt. Die Große Fastenzeit lenkt aber unseren Blick wieder auf die Heilige Schrift, und zwar durch ein einzigartiges Gedicht: den Großen Bußkanon des heiligen Andreas von Kreta. Dort enthüllen sich die Ereignisse der Schrift sowie die Taten und die Leiden ihrer Protagonisten als Ereignisse und Befindlichkeiten meines eigenen Lebens. Zum einen ist die Tragödie der Sünde und des Verrats meine ganz persönliche Tragödie. Zum anderen sind die Taten Gottes in der Vergangenheit Handlungen, die auf mich und mein Heil abzielen. Dieser Kanon belehrt uns, dass der Mensch sowohl eine leuchtende wie auch eine dunkle Seite hat. Der Mensch ist nicht einfach ein gutes Wesen, der einige sozial bedingte „Schwächen“ hat, wie die heutige Kultur meint. Er ist ein Bild Gottes, das aus allerhöchster Höhe durch die Sünde gefallen ist. Nur wer wahrnimmt, dass der Mensch in diesem Sinne „gefallen“ ist, kann auch seine göttliche Bestimmung entdecken. Die Große Fastenzeit lässt uns erkennen, dass wir „das Bild der unaussprechlichen Herrlichkeit“ in uns beschmutzt, verraten und zurückgewiesen haben. Diese Erkenntnis erschüttert uns und erweckt in uns das Verlangen nach Umkehr, nach dem Sich-Verlieren an die Liebe und an das Erbarmen Gottes.
Die Fastenzeit ist also eine geistliche Reise, deren Ziel es ist, uns aus einem geistlichen Zustand in einen anderen hinüberzugeleiten. Als Eure geistlichen Väter, Eure Bischöfe hier in Deutschland, hoffen wir und beten wir darum, dass es Euch, liebe orthodoxe Christen, gelinge, diese Reise mit Begeisterung, Beharrlichkeit und gutem Erfolg durchzuführen.
Wir wünschen Euch allen eine gute, von geistlicher Freude und Erkenntnis erfüllte Fastenzeit und rufen den Segen des Herrn auf Euch herab.
(Verabschiedet bei der Versammlung der orthodoxen Bischöfe Deutschlands am 27. Februar 2010 in der Rumänischen Orthodoxen Metropolie in Nürnberg)