Geistliches Leben für die orthodoxe Jugend
im XXI. Jahrhundert

(Vortrag von Erzpriester Peter Sonntag aus Düsseldorf auf dem 2. Jugendtag des Orthodoxen Jugendbundes Deutschland in Gütersloh am 12. Juni 2000)

Ich weiß nicht, ob es Euch ebenso ergeht wie mir, aber ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort "Geistliches Leben". Denn es erweckt den Eindruck, als gäbe es zwei Leben: ein "normales" Jedermannsleben und zusätzlich noch ein "geistliches" für diejenigen, die mit einem rein materialistischen Leben nicht zufrieden sind. Das eine ist unumgänglich, das andere ist eher etwas für die "Frommen" ... Natürlich ist das Thema unserer Überlegungen anlässlich unserer Zusammenkunft hier so nicht gemeint, aber durch einen gewissen Missbrauch des Wortes "geistlich" und der stattdessen im ökumenischen Zusammenhang oft gebrauchten Wörter "spirituell" und "Spiritualität" haftet diesem Ausdruck vielfach etwas verhängnisvoll Dualistisches an. Darum sage ich gleich zu Anfang: Erwartungen oder Befürchtungen, die möglicherweise in diese Richtung gehen, möchte ich nicht entsprechen.

Wenn wir in der Kirche das Wort "geistlich" sagen, meinen wir eigentlich nicht "Spirituelles" im Sinne von immateriell oder gar "platonisch". Vielmehr meinen wir das uns vom Heiligen Geist geoffenbarte Leben, die Fülle des Lebens, jenes Lebens, das im Heiligen Geist zu uns spricht: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater, es sei denn, durch mich." (Jo 14,6) Dieses mit Christus selbst identische Leben ist weder immateriell noch "platonisch". Denn in Christus "wohnt leibhaft die ganze Fülle der Gottheit" (Kol 2,9). Das, was dem "Geistlichen" entgegengesetzt ist. sind nicht Materie und Leib. Materielles und Leibliches, sondern das Weltliche (1 Jo 2,15-17), das Fleischliche (1 Kor 3,3) und das Seelische (1 Kor 2,14). Wenn wir also vom geistlichen Leben sprechen, teilen wir die Welt nicht in profan und sakral, materiell und immateriell. Vielmehr meinen wir eine bestimmte Weise, in der Welt zu sein - im Unterschied zu anderen Weisen des Daseins, welche die Heilige Schrift weltlich, fleischlich und seelisch nennt.

Der Ort, wo wir ganz leibhaft und zugleich geistlich in dieser Welt sind. ist die Kirche. Ich habe darum den Titel meiner Ausführungen als eine Einladung verstanden, mit Euch zusammen darüber nachzudenken, was die Kirche, und das heißt natürlich die orthodoxe Kirche, für uns bedeutet bzw. was sie für uns, für die orthodoxe Jugend in Deutschland (ich zähle mich trotz fortgeschrittenen Alters von 47 Jahren für den kurzen Moment dieser Ausführungen - sozusagen experimentell - dazu) bedeuten sollte.

Diese Überlegungen aber sollen, wie es das Thema verlangt, zugespitzt werden auf die Situation eines Jahrhunderts, an dessen Schwelle wir eben erst stehen. Das setzt eigentlich prophetische Gaben voraus, die ich gar nicht habe. Wer außer den Heiligen und Propheten hätte vor hundert Jahren die ungeheuerlichen Begebenheiten des XX. Jahrhunderts voraussagen können? Und es sind keine unseriösen Zeitgenossen, die behaupten, dass die künftigen Ereignisse sich in einer Weise überstürzen werden, mit der verglichen das XX. Jahrhundert ein Schneckengang war. Die Stichworte lauten hier Gentechnologie, Biotechnik und künstliche Intelligenz. Hat die Orthodoxie noch einen Ort im Zeitalter der biotechnischen Revolution? Und das, was wir "Tradition" nennen, im sich beschleunigen- den Rhythmus der Innovationen und der immer kürzeren Halbwertzeiten? Sinkt die Orthodoxie auf den Rang veralteter Software ab? Die mit der sogenannten Globalisierung verbundenen neuen Obsessionen scheinen auf ihre Art noch zwingender und noch totalitärer als die schrecklichen Totalitarismen. die Ideologien des vergehenden XX. Jahrhunderts zu sein.

Andererseits wächst im Zeitalter der Desintegration, der fortschreitenden Isolation sogenannter spezifischer Milieus in unserer angeblich multikulturellen Gesellschaft und des weitgehenden Verlustes eines politischen Konsenses die Sehnsucht nach Zusammenhang, Kohärenz; wächst angesichts zunehmender Abstraktion, Komplexität und Unüberschaubarkeit das Bedürfnis nach Sinn, Ganzheitlichkeit, Unmittelbarkeit und Verstehbarkeit; wächst angesichts der unvorstellbaren Beschleunigung technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse die Sehnsucht nach Tradition, Autorität und Identität; wächst angesichts immer größerer Individualisierung und Anonymität unserer Lebensverhältnisse das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Erkennbarkeit.

Aus all diesen Desideraten und Nöten zu folgern, das neue Jahrhundert werde ein Jahrhundert der Orthodoxie sein, wäre mehr als abenteuerlich. Die Kirche "bedient" nicht einfach die "natürlichen" Bedürfnisse der Menschen - im Unterschied und im Widerspruch zu zahllosen neuen und alten Sekten. Nach dem Zusammenbruch der großen alten Gesellschaftsideologien ist das Irrationale wieder gefragt. Es gibt deshalb den großen Markt der Sinnangebote. Neue und alte Sekten, Hedonismus, Okkultismus, Satanismus, die Esoterikangebote des New Age, Patchwork-Religion. Auf diesem Markt kann und will natürlich die orthodoxe Kirche nicht mitbieten. Hinzu kommen als vielfach attraktive Konkurrenten Islam und Buddhismus. Gleichzeitig sehen wir mit Sorge die rasch progredierende Auflösung der traditionellen Formen christlichen Lebens, die Erosion der sogenannten Großkirchen. Vielleicht gibt es gewisse Parallelen mit der geistigen Situation der Spätantike.

Vereinfacht gesagt: Das Umfeld, die Landschaft, in der wir uns im XXI. Jahrhundert befinden werden, wird unübersichtlicher und schwieriger. Es scheint so, dass auch die säkularisierten Restbestände einer zwar nicht orthodoxen, aber doch christlichen Kultur immer rascher verbraucht werden. Damit sinkt aber auch die Möglichkeit, uns in einer gemeinsamen Sprache mit denen zu verständigen, die nicht im Lebensraum unserer Kirche groß geworden sind. Begriffe wie Gott, Heiligkeit, Gnade, Erlösung, Auferstehung, Freiheit, Frieden, Leidenschaft, Sünde, Glaube, aber auch solche wie Ehe, Haus, Familie, Geschlecht, Welt, Zeit, Ewigkeit kommen aus der Mode oder werden mit neuen Inhalten gefüllt.

Es scheint, dass der Verlust des Gottesbezuges, der Transzendenz überhaupt, mit einer Entleiblichung und Quasi-spiritualisierung der Welt einhergeht. Das Leitbild des Menschen in diesem Weltverständnis ist das des Designers. Biologische, wirtschaftliche und vielleicht sogar gesellschaftliche Vorgänge werden nach bestimmten Vorgaben konstruiert und instrumentalisiert. Sogar Geburt, Leben und Tod geraten immer mehr unter den Blickwinkel der Verfügbarkeit, der Herstellung des Wünschenswerten und der Vermeidung des Unerwünschten. Was einmal Anlass zur Frage nach dem Ursprung, dem Sinn und dem Ziel unseres Daseins war, unterliegt mehr und mehr eudämonistischer Willkür. Aber je perfekter der Mensch die Welt seiner Rationalität unterwirft, je mehr sich ihm die Welt als das Material seiner Selbstverwirklichung zu fügen scheint, je mehr sie scheinbar in sein Kalkül einrückt, desto unwirklicher und undinglicher wird sie auch. Die Möglichkeit wird wichtiger als die Wirklichkeit. In der virtuellen Welt schließlich ist zwar alles möglich, aber nichts mehr wirklich. Die virtuelle Welt, nennen wir sie einmal vereinfachend die Welt des Internet, ist insofern das Gegenteil dessen, was wir Kirche nennen: Die virtuelle Welt ist eine Welt ohne Leib. Die virtuelle, durch keine Dinglichkeit mehr gehemmte und insofern entfesselte Komplexität wirkt wie eine Droge direkt, d. h. ohne materielle dingliche Vermittlung auf das Bewusstsein. Die perfekte Illusion der Cyberwelt braucht keine Surrogate. Das Interface ist sozusagen im Kopf. Dieser neue Totalitarismus ist weitaus gefährlicher als die Totalitarismen des vergehenden XX. Jahrhunderts. Denn die Virtualität und Entdinglichung bewirken eine Entfesselung unserer Imagination. Die Seele erfährt nun nicht mehr die endlichen Dinge, die Schöpfung, als Gestalt gewordenes Wort Gottes, sondern eventuell ihre eigene Abgründigkeit und Ambivalenz als Raum der unendlichen Projektion ihrer Ängste, Sehnsüchte und Bedürfnisse. In ihrer scheinbaren Entgrenzung, in der reinen Virtualität, begegnet sie tatsächlich nur noch sich selbst. Sie "braucht" die Dinge nicht mehr, sondern drückt sich selbst durch Metaphern aus, die der dinglichen Welt nur noch entliehen sind. aber nicht mehr zugehören. Sie verliert die Welt.

Was will ich damit sagen? Sollen wir die Computer abschaffen und nicht mehr im Internet "surfen" dürfen? Natürlich nicht. Das Internet erscheint hier nur als sinnfälligste Konkretisierung dessen, was mir der Grundzug des neuen Weltbildes zu sein scheint: die umfassende Virtualisierung des Daseins.

Je radikaler wir uns auf die empirische Welt beschränken, desto unheimlicher, unbehauster und unbewohnbarer wird sie uns. Die Einrichtung des Daseins nach den Idealen von light und fast, die Degradierung der Schöpfung zur Ressource, die Betrachtung der Dinge unter dem Blickwinkel der Verfügbarkeit machen unser Dasein auf der Erde zu einem konkreten Alptraum.

An dieser Stelle kommt uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn in den Sinn. Nachdem er alles verloren hatte, blieben ihm nur noch die Schweineschoten: "Er gierte danach, seinen Bauch mit den Schoten zu füllen, von denen die Schweine fraßen, doch niemand gab sie ihm" (Lk 15,16).

Der Doppelaspekt von Gier und Vorenthalt kennzeichnet die Situation des Menschen, der, wie Vater Alexander Schmemann sagt, in dieser Welt absolut zuhause ist - und der gerade darum unbehaust bleibt. Die Welt kann die ursprünglich auf Gott ausgerichtete Sehnsucht des Menschen nach Sättigung nicht erfüllen. Andererseits wird alles zu Schweineschoten, was der Mensch an die Stelle Gottes stellt. Die ganze Welt kann den Hunger einer Seele, die Gott verloren hat, nicht stillen. Insofern hat jede exklusive Zuwendung des Menschen zur Welt den Charakter der Virtualität. "Was kann der Mensch geben für seine Seele" (Mk 8.37)? Die Wendung "und niemand gab sie ihm" weist auf das Unstatthafte dieser paradoxen Sättigung. Wer sich die Welt in dieser Weise zueignet, der isst wie die Stammeltern vom Baum der Erkenntnis. Er kostet eine Speise, die ihm nicht gegeben ist. Wer so isst, empfängt nicht, kommuniziert nicht, sondern erfährt im Essen, im Teilnehmen eine Zurückweisung: Die Schoten sind zunächst süß, aber im Nachgeschmack bitter. Doch gerade in dieser Zurückweisung, in diesem Vorenthalt liegt das Heilsame. Der so Zurückgewiesene er-innert sich - was der Evangelist Lukas mit dem Wort "er kam zu sich" (Lk 15,17) beschreibt.

Mit dieser Er-innerung beginnt die Auferstehung - "Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen" (Lk 15,18) - betreten wir den Raum der Kirche. Die Kirche aber ist nicht etwas von der Welt Getrenntes, sondern dieselbe Welt als Ort der Er-innerung und Gemeinschaft mit Gott. Die Kirche separiert uns nicht von der Welt, sondern gibt uns im Gegenteil die entfremdete Welt zurück, indem sie uns beständig im Heiligen Geist erinnert, dass Christus sich leibhaft in ihr zur Anwesenheit gebracht hat und bringt.

So heißt es charakteristisch im Kanon des Festes, in dessen Nachfeier wir stehen: "Öffnet die himmlischen Pforten. * Denn siehe: Gekommen ist Christus, der König und Herr, * der trägt einen irdischen Leib * - riefen die unteren Mächte den oberen zu" (2. Kanon, 3. Ode. Irmos). - "In Fleisches Ähnlichkeit erscheinend * hast Du, Menschenliebender, was einst sich widerstand, zur Einheit gefügt, * und fuhrest auf im Angesicht Deiner Jünger.

Erbarmer * zum Himmel." (2. Kanon, 6. Ode, 2. Stichiron) - "Als die Engel, Christus, * Dein vergöttlichtes Fleisch erhöht sahen, * riefen sie einander zu: * Wahrlich, dieser ist unser Gott" (1. Kanon , 9. Ode, 2. Stichiron).

Die Kirche, der den Kosmos umfassende Leib Christi, ist der Raum unserer Er-innerung an das Fleisch gewordene und im Heiligen Geist stets präsente Wort Gottes. Die Engel am Grab fordern die Myrophoren auf: "Erinnert euch an das, was Er euch gesagt hat, als Er noch in Galiläa war" (Lk 24,6). "Und sie erinnerten sich Seiner Worte" (Lk 24.8).

Auch wir gehen in die Kirche, um uns zu erinnern. Die Kirche ist Er-innerung im Heiligen Geist. Diese Er-innerung ist nicht gleichbedeutend mit dem Auffüllen einer Gedächtnislücke, Vielmehr: Indem wir uns im Heiligen Geist erinnern lassen, ertasten wir durch die Hülle des gegenwärtigen Äons hindurch, d. h. im Glauben, den neuen Äon: den der Sterblichkeit nicht erliegenden Leib des Auferstandenen, den Leib der Kirche, in den wir getauft sind - also unseren eigenen, aber noch nicht offenbaren Leib. "Unser Leben ist verborgen mit Christus in Gott" (Kol 3,4). Doch dieser wie der Embryo im Leib seiner Mutter verborgene Äon manifestiert sich in Raum und Zeit: in der eucharistischen Versammlung, in der Heiligen Schrift, in den Ikonen, in der sakralen Architektur; in der Ehe, im monastischen Leben, in der Freundschaft; im Essen, im Fasten; im Umgang mit den alltäglichen Dingen, dem Brot, dem Wasser, dem Haus, dem Tisch; im Gebrauch der geistlichen, der geistigen und der materiellen Gaben ... Alle Lebensvollzüge sind Kundgebungen dieses neuen Äons und Weisen der konkreten Er-innerung an das, was noch nicht offenbar geworden ist (vgl. 1 Kor 2,9). Sich er-innern heißt hier: In die reinigende, erleuchtende und vollendende Wahrheit des Reiches Gottes eintreten. Die Kirche ist der Ort einer auch im Tod nicht endenden, vielmehr vom Tod unbetroffenen, fortwährenden und unendlich fortschreitenden Er-innerung, Vergegenwärtigung des Leib gewordenen Wortes, ein Prozess der Verwandlung und der Überwindung des Todes.

"Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und unsere Hände berührt haben vom Wort des Lebens - und das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist - was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt" (1 Jo 1,1-3).

Wenn wir also vom geistlichen Leben sprechen, dann sprechen wir nicht von einem vergeistigten, spirituellen, dem Materiellen entgegegesetzten Leben, sondern von der konkreten, leibhaften Präsenz des Leibes Christi und seinen leibhaften und konkreten Manifestationen in allen unseren Lebensvollzügen. Das geistliche Leben ist die Ent-deckung, die Wahrnehmung des ganzen Kosmos als einer unendlich mannigfaltigen Ikone und Verleiblichung des Logos Gottes. Während in einer zur Ressource verkommenen Welt der Mensch und die Dinge unvorstellbar trivialisiert und ihres Wertes beraubt werden (Stichwort "unerwünschtes Leben"), gewinnen sie in der Kirche ihre urtümliche Schönheit und Heiligkeit zurück. Die Kirche "braucht" die Dinge. Der Heilige Geist exorziert und konsekriert Öl und Wasser, Wein und Brot zu Potenzen der Teilhabe an der göttlichen Gegenwart, den göttlichen Energien. Die Kirche ist Leib. Die Kirche ist sinnlich. Die Kirche ist konkret. Die Kirche ist der ganze Kosmos, unzerteilt und unsterblich, die Kirche ist schön. Schönheit ist Verleiblichung: der Vorschein der Wahrheit. Die Kirche ist Leib. Alles Geistliche ist leiblich.

Unsere Enttäuschungen und Misshelligkeiten mit unserer Kirche rühren meistens daher, dass wir, beeinflusst von einem "westlichen", einem konfessionalistischen. nationalistischen oder soziologischen Kirchenbegriff, von der Kirche zu gering denken und sie -mehr unbewusst als bewusst - auf eine Gruppe, ein Volk, eine Funktion (Klerus) oder auf eine gesellschaftliche Institution reduzieren.

Wenn wir nicht mehr wissen, was die Kirche ist, fangen wir an. sie zu be-seitigen, das heißt sie zur Seite zu schieben, zur Partei zu machen, oder sie, was auf dasselbe hinausläuft, irgendeinem "guten" Zweck unterzuordnen. Die Kirche muss dann für das Volk, für den Frieden, für die Einheit, für die Emanzipation, für die "Randgruppen", aber gegen den Alkoholismus, die Drogensucht, die Verwahrlosung, die Verelendung, gegen die Ausbeuter, die Volksverräter, die Muslime, die Albaner, die Türken, gegen den Ökumenismus, den Papst, den Uniatismus etc. kämpfen, um zu beweisen, dass sie fortschrittlich, d. h. tauglich ist im Sinn der gerade herrschenden Ideologie.

So könnten wir in der besten Absicht auch sagen: Die Kirche muss etwas für unsere Jugend tun, für die Alten oder für die Arbeitnehmer oder für die Serben ...

Wer so denkt und spricht, spricht vielleicht in der besten Absicht. Aber er hat sich, wahrscheinlich ohne es zu wissen, weit von dem entfernt, was wir Orthodoxe meinen, wenn wir von der Kirche sprechen. Statt das Weltliche geistlich zu beurteilen, beurteilt er das Geistliche weltlich ...

Wir alle sind mehr oder weniger von einem spezifisch "westlichen" Kirchenverständnis angesteckt. Für den "Westen" ist die Kirche - zwar nicht ausschließlich, aber vorwiegend -eine Institution, eine Organisation, die soziale, karitative und politische Zwecke verfolgt. Für uns aber ist die Kirche das uns stets vorausliegende Ganze, das das geteilte, das fragile und fragmentierte und desintegrierte Dasein zur Fülle, zur Ganzheit, zum Leben, zur Integralität des Leibes Christi hin öffnet. Diese Öffnung, die wir Er-innerung genannt haben, ist so grundlegend, dass in ihrem Licht alle großen Gegenwartsfragen in einer neuen total veränderten Perspektive erscheinen. Denn alle Probleme des Menschen sind im Kern geistlicher Natur und bleiben so lange unverstanden, ungelöst und unlösbar, wie ihr geistlicher Kern nicht erkannt wird.

Die Kirche ist der Schoss. der uns gebiert. Wir können von der Kirche nicht radikal genug denken. Der Kirche fehlt nichts. Wir brauchen die Kirche nicht zu erfinden, zu modernisieren oder an irgendwelche Bedürfnisse anzupassen. Wir sollen die Kirche nicht nach unseren Maßstäben einzurichten versuchen, sondern unsere Maßstäbe von der Kirche und der Tradition empfangen. Alles was wir tun, sollte dazu dienen, in der Kirche zu wachsen. zu lernen, als Kirche zu denken, zu fühlen und zu handeln.

Was hindert uns daran, die Kirche in dieser Weise wahrzunehmen?

Ich will versuchen, einige Einwände zu formulieren, die so oder ähnlich immer wieder vorgetragen werden.

1. Einwand: Wir Orthodoxen leben in Deutschland in der Diaspora. Darum kann sich orthodoxes kirchliches Leben nicht wirklich entfalten.

Antwort: Die Kirche lebt immer und überall in der Diaspora, auch da, wo sich die Mehrheit eines Volkes zum orthodoxen Glauben rechnet. Denn die Kirche lebt immer in der Welt, ist immer der Sauerteig, der unter drei Maß Mehl verborgen ist. (Mt 13,33)

Auch die traditionell orthodoxen Länder Ost - und Südosteuropas sind nicht mehr selbstverständlich und ausschließlich orthodox. "Osten" und "Westen" gleichen sich immer mehr einander an.

Es gibt heute kirchliche Jurisdiktionen, die in ihrer Herkunftsregion marginalisiert sind, während sich ihre Gläubigen zum größten Teil in den sogenannten "westlichen" Staaten befinden. Die Migration orthodoxer Christen nach Westeuropa und insbesondere Deutschland hat nach 1989 einen neuen Schub bekommen, der noch lange nicht abgeebbt ist.

Die "Diaspora" hat insgesamt eine so eminente Bedeutung für die Gesamtorthodoxie erlangt, dass die Regelung des mit ihr verbundenen jurisdiktionellen Problems zu einer ek-klesiologischen Nagelprobe geworden ist und den eigentlichen Gegenstand des bevorstehenden panorthodoxen Konzils und insonderheit der vierten präkonziliaren Versammlung darstellt.

In der Minderheit zu sein, ist ein stimulierender Faktor ersten Ranges! Den Glauben nicht als selbstverständlichen Besitz zu beanspruchen, sondern in einer anders geprägten Umwelt sich aneignen und "verstehen" zu müssen, ist an und für sich kein Nachteil, sondern ein Vorteil, wenn nicht sogar ein Privileg.

2. Einwand: Wir Orthodoxen in Deutschland sind nicht eins. weil wir verschiedenen Nationen und "Mutterkirchen" angehören.

Antwort: Orthodoxe Identität definiert sich nicht durch Nationalität! Es gibt keine russisch-, serbisch-, rumänisch-, bulgarisch, albanisch-, aber auch keine griechisch-orthodoxe Kirche, wenn griechisch hier nur die Nationalität bezeichnet. Wäre das Nationale wirklich konstitutiv für das Kirche-Sein, dann würde es sich in der Tat um verschiedene Kirchen im Plural handeln, so wie die römisch-katholische, die lutherische, die reformierte und die anglikanische Kirche in der Tat verschiedene, und das heißt in diesem Fall - wegen der mit dem Wesen der Kirche verbundenen Exklusivität - einander ausschließende Kirchen sind. Aber so ist es nicht mit den auch Kirchen genannten orthodoxen Jurisdiktionen! Es gibt keine russisch-orthodoxe Kirche, sondern nur die orthodoxe Kirche in Russland oder allenfalls die russische orthodoxe Kirche ... etc.

Wir brauchen also auch nicht auf die Geburt einer deutsch-orthodoxen Kirche (auch das habe ich schon gelesen!) zu warten, um von der orthodoxen Kirche in Deutschland sprechen zu können!

Die Mutterkirche ist nicht in erster Linie die Kirche in Konstantinopel. Moskau, Belgrad oder Bukarest, sondern die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die wir alle im Glaubensbekenntnis bekennen und die in Konstantinopel, Moskau, Belgrad, Bukarest und Gütersloh dieselbe ist!

3. Einwand: Deutschland ist kein orthodoxes Land. Wir müssen uns hier, so gut es geht, anpassen und können es uns nicht leisten, uns zu profilieren.

Antwort: Es gibt kein "orthodoxes Land". Aber Deutschland hat wie jedes westeuropäische Land eine orthodoxe Wurzel. Die Anfänge des Christentums in Deutschland sind orthodox. Die Heiligen der ersten acht Jahrhunderte, der hl. Maternus, der hl. Suitbert. der hl. Bonifatius sind orthodoxe Heilige, auch wenn sie in unseren Synaxarien nicht verzeichnet sind. Die sakrale Architektur dieses Landes bis ins 12. Jahrhundert bezeugt sichtbar die Einheit, den orthodoxen Ursprung des Christentums in diesem Land. Die Orthodoxie ist geradezu ein Schlüssel zum Verständnis der ältesten Traditionen dieses Landes. Wenn wir uns diesen Ursprüngen zuwenden, bereichern wir uns und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Selbstverständnis der Christen in diesem Land und zur ökumenischen Verständigung. Je mehr wir uns bewusst werden, dass wir gerade durch unsere Orthodoxie - wie durch nichts sonst - in diesem Land zu Hause sind. desto mehr werden wir uns trotz unserer verschiedenen geographischen und sprachlichen Herkünfte auch einander annähern.

4. Einwand: Wir sind nicht organisiert.

Antwort: Wenn unser Glaube stark und vital ist, dann können wir auch die Strukturen schaffen, die wir brauchen, um blühende Kirchengemeinden und Klöster zu gründen und zu erhalten. Wenn aber unser Glaube schwach ist, dann nützen uns auch die Strukturen nicht viel. Entscheidend ist, dass wir uns als Orthodoxe in Deutschland begreifen und hier Kirche sein wollen.

5. Einwand: Die orthodoxe Kirche kommt als solche in der deutschen Öffentlichkeit nicht vor. Stattdessen treten Nationalkirchen in Erscheinung, die in parallelen Strukturen organisiert sind und von externen Zentren verwaltet werden.

Antwort: Dieser Einwand ist nicht leicht zu entkräften. Zwar gibt es inzwischen die KOKiD, den Orthodoxen Jugendbund, Orthodoxie Aktuell, ein Verzeichnis aller orthodoxen Diözesen und Gemeinden, einen liturgischen Kalender und einige gemeinsame orthodoxe Initiativen, aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die jurisdiktionelle Ordnung oder besser gesagt das jurisdiktionelle Chaos der orthodoxen Kirche in Deutschland der orthodoxen Ekklesiologie widerspricht. Die Diözesen in Deutschland sind im Prinzip kirchlich organisierte Ethnien, und die Bischöfe, die diesen Diözesen vorstehen, sind weniger die Garanten der Einheit der Kirche in einem umschriebenen Territorium als vielmehr Garanten der Einheit des Volkstums ihrer Ethnie. Wenn es eine Chance gibt, diese Schizophrenie zu überwinden, dann die, dass die hier versammelte orthodoxe Jugend den Partikularismus in der Kirche überwindet, und zwar zuerst geistig und danach adminstrativ -was ja auch der Zielsetzung der präkonziliaren Beratungen entspricht.

Noch wichtiger als die interkonfessionelle Ökumene ist für uns im Augenblick die innerorthodoxe Ökumene.

Im Anschluss an diese Überlegungen möchte ich - auch im Hinblick auf die Diskussion -sechs Punkte nennen, die mir als allgemeine Orientierung für unsere Arbeit wichtig erscheinen:

1. Wir sollten alles tun, uns sehr bewusst unsere gemeinsame große Tradition anzueignen und bewusst "in" der Kirche zu leben. Unverzichtbar sind die sonntägliche Göttliche Liturgie, das Leben im Rhythmus des Kirchenjahres, das persönliche Gebet, das Studium der Heiligen Schrift, des Synaxariums. der geistlichen Väter. Ganz und gar in der Kirche leben und sich bewusst sein, dass die Kirche eine ist.

2. Wir sollten die Muttersprachen und die Traditionen pflegen, aber nicht Tradition und Tradtionen verwechseln.

3. Keine nationalen oder konfessionellen Ghettos schaffen!

4. Regional und überregional interjurisdiktionell zusammenarbeiten. Wichtig ist, in allen Gemeinden einzelne für die Jugendarbeit zu gewinnen. Den europäischen und globalen Zusammenhang nicht aus den Augen verlieren. Die Angebote von Syndesmos wahrnehmen.

5. Sich nicht abkapseln gegenüber den anderen Christen in diesem Land. Im Gegenteil: den Kontakt suchen und Partizipation überall da zulassen, wo es eben möglich ist, z. B. bei Diakonieprojekten, Vorträgen, Gemeindefesten etc.

6. Keine parekklesialen Strukturen schaffen! Die Jugendarbeit muss in den Ortsgemeinden stattfinden und von diesen getragen werden. In Städten mit Gemeinden mehrerer Jurisdiktionen alle Gemeinden einbeziehen.