Botschaft

Ihrer Seligkeiten, der Vorsteher der altehrwürdigen Patriarchate (Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien, Jerusalem) und der Kirche von Zypern   Phanar, 1. bis 3. September 2011


Die Vorsteher der Patriarchate von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem sowie der seit alters autokephalen Kirche von Zypern an die Gläubigen ihrer Kirchen und alle Menschen guten Willens:

 

 

Geliebte Brüder, geliebte Söhne und Töchter, freut euch im Herrn allezeit!

 

„Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken; unablässig erinnern wir uns vor Gott, unserem Vater, an das Werk unseres Glaubens, an die Opferbereitschaft eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus, unseren Herrn.“ (1 Thess 1,2-3)

 

Wir folgen der Aufforderung des Apostels, nach der in der Kirche Christi „alle Glieder mitleiden, wenn ein Glied leidet, und alle Glieder sich freuen, wenn ein Glied geehrt wird“ (1 Kor 12,26) und haben uns darum am Sitz des historischen und durch sein Zeugnis erprobten Ökumenischen Patriarchates auf die Einladung und unter dem Vorsitz des unter uns dem Rang und der Ehre nach Ersten versammelt, um die uns allezeit, ganz besonders aber in Tagen der Versuchungen und Drangsale erhaltende  Liebe Christi zu erfahren und kundzutun.

 

Wir, die wir die Verantwortung für die Leitung und die pastorale Verwaltung dieser altberühmten historischen Kirchen tragen, die die Apostel Christi gegründet und die Ökumenischen Synoden der einen ungeteilten Kirche für autokephal erklärt haben, sind hier zusammengekommen, um eine alte Gewohnheit wiederzubeleben, um Gedanken auszutauschen, um die Liebe zu erwidern und uns anlässlich der jüngsten Ereignisse in dem historischen Raum jener geographischen Region, in der Gottes Vorsehung unsere Kirchen seit den ältesten Zeiten anzusiedeln geruht hat, gegenseitig zu unterstützen.

Entsprechend der göttlichen Vorsehung ist die Kirche Christi als eine geschichtliche Realität in der Region entstanden, die man den Nahen Osten nennt. Ihr Gründer und ihr Fundament Jesus Christus ist dem Fleische nach in Bethlehem in Judäa (Mt 2,1) geboren worden, wo er seine zwölf Jünger und Apostel erwählt und ausgesandt hat, sein Evangelium zunächst an diesem Ort zu verkünden (Mt 10,6), an dem er gelitten hat und auferstanden ist und wo die erste Kirche, die Kirche von Jerusalem, gegründet wurde, und von dort aus „allen Völkern“ (Mt 28,19).

 

An diesem Ort ist die Kirche Christi tief verwurzelt, vor allem die heilige orthodoxe Kirche. Dieser Ort ist geheiligt durch das Blut der Märtyrer für den orthodoxen Glauben und die Tränen ihrer heiligen Väter. Niemand hat das moralische Recht, das zu ignorieren, und jede weltliche Autorität ist verpflichtet, das zu respektieren. Die Christen, die den dortigen orthodoxen Kirchen angehören, leben dort seit Jahrhunderten, und keine „ethnische“ oder  „religiöse Säuberung“ kann sie von dort vertreiben oder auf irgendeine Weise ihre Freiheit beschränken, ohne die elementarsten Menschenrechte zu verletzen.

 

Die orthodoxe Kirche, die dem biblischen Prinzip „Des Herrn ist die Erde und was sie erfüllt“ (Ps 23,1) folgt, hat niemals die Völker anderer religiöser Traditionen daran gehindert, friedlich mit ihr am selben Ort zusammenzuleben. Und selbst wenn andere Religionen mit Gewalt den Ort besetzten, an dem sie seit Jahrhunderten heimisch war, hat sie Formen der Anpassung und der friedlichen Koexistenz mit den Angehörigen anderer Religionen gefunden. Intoleranz war nie ein Charakteristikum der orthodoxen Kirche.

 

Unglücklicherweise hat sich in unserer Epoche die Angst vor dem Anderen entwickelt und zugespitzt. Opfer dieses Umstandes werden zunehmend auch die Christen selbst, insbesondere im Nahen Osten. In vielen Fällen gelten die Christen als Bürger „zweiter Klasse“. In anderen Fällen werden ihre Gotteshäuser, die oft bedeutende Kulturdenkmäler sind, profaniert oder zerstört; oder es werden die Möglichkeiten, Gottesdienste zu halten, oder die Ausbildungsmöglichkeiten für Kleriker eingeschränkt. Darüber hinaus kommt es bisweilen zu mörderischen Anschlägen auf Christen, wobei die Gewalt von extremen fanatischen religiösen Gruppen ausgeht. Indes sind selbstverständlich die Christen gehalten, wo immer sie sich auch befinden, die Kultstätten der anderen Religionsgemeinschaften zu respektieren.

 

Wir Orthodoxe glauben an das Wort der Schrift „Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1 Jo 4,18). Wir fürchten den anderen nicht, welchen Glaubens er auch sein mag. Wir umarmen ihn als Bruder und erwarten von ihm, dass er uns in derselben Weise begegnet. Aber wir hören auch nicht auf, den staatlichen Schutz, auf den wir ein Anrecht haben, von den Staaten einzufordern, in denen wir leben. Das ist unseres Erachtens die einzige Lösung der Probleme in der vielgeplagten Region des Nahen Ostens, aber auch in allen anderen Regionen unserer Welt. 

 

Lasst uns also den Dialog der Versöhnung zwischen den christlichen Konfessionen und den Religionen intensivieren. Das Ökumenische Patriarchat führt schon seit Jahren einen Dialog mit den beiden anderen monotheistischen Religionen entsprechend der diesbezüglichen Entscheidung der Dritten Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz (1986). Wir begrüßen und unterstützen diese Maßnahme insbesondere in diesen schwierigen Tagen, in denen Gewalt diese Region erschüttert, in der das Liebesgebot und die Botschaft des Friedens zuallererst vernommen wurden.

 

Wir wenden uns also an die Politiker und religiösen Führer im Nahen Osten und in der ganzen Welt mit dem Aufruf, Grundlagen und Normen für das friedliche Zusammenleben der Gläubigen unterschiedlicher religiöser Traditionen zu erarbeiten, und erklären uns solidarisch mit denen, die Diskriminierungen, Gewalt und Verfolgungen erleiden. Wir leiden mit den Brüdern, die von Gewaltausbrüchen betroffen sind, mit den unschuldigen Opfern kriegerischer Auseinandersetzungen und mit den Scharen von Menschen, die ihre angestammten Gebiete verlassen und den harten Weg der Emigration beschreiten müssen. Wir verstehen den Wunsch und den Drang der Völker nach politischer Freiheit und dem Schutz ihrer Menschenrechte und ermahnen die zuständigen Regierungen, die Menschenrechte unverzüglich in vollem Umfang zu gewährleisten. Die Kirche mischt sich nicht in die Politik ein; sie gibt „dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21). Die Ausübung der Politik als Methode der Lösung von Problemen des Menschen steht anderen, aber nicht der Kirche zu. Die Probleme selbst aber und die grundlegenden anthropologischen und soziologischen Prinzipien für deren Lösung können der Kirche nicht gleichgültig sein, insbesondere dann nicht, wenn die Würde und die Freiheit der menschlichen Person als „des Bildes Gottes“ (Gen 1,26) und Gottes „sehr gute“ Schöpfung (Gen 1,31) verletzt oder gefährdet werden.

 

Dieser letzte Gesichtspunkt der Bewahrung der natürlichen Umwelt läuft unter dem unerträglichen Druck der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme, die derzeit die Region des Nahen Ostens heimsuchen, leicht Gefahr, unterschätzt und für zweitrangig gehalten zu werden. Aber diese Geringschätzung ist falsch und gefährlich. Der Kollaps der Umwelt wird zuletzt den möglichen gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzen eines politischen Wandels, zu dessen Gunsten jetzt Kämpfe um den Preis des Blutes vieler Opfer ausgefochten werden, zunichte machen. Das hat uns dazu bewogen, den Vorschlag des Ökumenischen Patriarchates, in Kürze eine Zusammenkunft der religiösen Führer der Region vorzubereiten, auf der eine Art ökologischer „Mittelmeer-Charta“ beschlossen und ausgerufen werden soll, anzunehmen. Auf diese Weise wird die orthodoxe Kirche nicht nur ihre Verpflichtung gegenüber der Schöpfung Gottes erfüllen, sondern auch zur friedlichen Koexistenz und Zusammenarbeit der Religionen der gegenwärtig von Konflikten aufgewühlten Region des Mittelmeerraums beitragen.

 

Brüder und Kinder im Herrn,

„die Bedrängnis bewirkt Geduld, die Geduld Bewährung, die Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen“ (Röm 5,3-5).

Unser Denken und unser Herz sind all denen  nahe, die gegenwärtig auf dem Gebiet unserer Kirche großes Leid ertragen, aber auch allen in der ganzen Welt, die ihrer Freiheit und ihrer religiösen Rechte beraubt werden, ganz besonders aber denen unter ihnen, die im Nahen Osten leben. Wir religiösen Führer, welchen Glaubens wir auch sein mögen, sind verpflichtet, nach all unseren Kräften zur friedlichen Koexistenz aller religiösen Gemeinschaften im Nahen Osten beizutragen. Dieser Raum muss und kann ein Raum des Friedens und der Freundschaft aller Menschen werden.

 

Indem wir dieses vom Zentrum der Orthodoxie aus allen Menschen guten Willens verkünden, grüßen und segnen wir alle in Liebe.

 

Im Phanar am 2. September 2011  

 

 

+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel

+ Patriarch Theodoros II. von Alexandrien

+ Bischof Isaak von Apameia – in Stellvertretung S. Seligkeit des

   Patriarchen Ignatios IV. von Antiochien

+ Patriarch Theophilos III. von Jerusalem

+ Erzbischof Chrysostomos II. von Zypern