Osterbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a rt h ol o ma i os
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
dem in Herrlichkeit auferstandenen Erlöser

* * *

Brüder, im Herrn geliebte Kinder,

Wiederum grüßen wir Euch, von Freude und Frieden erfüllt, mit dem Freudengruß, dem Gruß, der das benennt, worauf all unsere Hoffnung ruht:

Christus ist auferstanden!

Die gegenwärtigen Gegebenheiten und Ereignisse scheinen die Freude unseres Grußes nicht zu rechtfertigen. Die von Erdbeben und Tsunami verursachten Naturkatastrophen und die befürchteten Folgen einer in den Bereich des Wahrscheinlichen gerückten Kernschmelze in Atomkraftwerken , aber auch die Opfer kriegerischer Konflikte und terroristischer Anschläge zeigen uns eine Welt, die sich unter den unbarmherzigen Schlägen böser Mächte windet, seien sie natürlichen oder menschlichen Ursprungs.

Dennoch: Die Auferstehung Christi ist wahrhaft geschehen und schenkt den gläubigen Christen die reale und allen Menschen die potentielle Möglichkeit, die widrigen Folgen natürlicher Katastrophen und seelischer Entgleisungen zu überwinden.

Die Natur begehrt auf, wenn der anmaßende Geist des Menschen sich unterfängt, die ungeheuren Kräfte zu zähmen, die der Schöpfer in ihre dem Umfang nach winzigen und scheinbar trägen Elemente gelegt hat. Indem wir die widrigen Naturphänomene, die unseren Planeten in letzter Zeit unablässig und nacheinander heimsuchen, geistlich betrachten, kommen wir allmählich zur Auffassung, dass sie nicht ohne den geistlichen Fehltritt des Menschengeschlechts verstanden werden können. Die Merkmale dieses Fehltritts – der Geiz, die Unersättlichkeit, die unstillbare Gier nach Reichtum, die einhergeht mit der Indifferenz gegenüber der Armut der vielen, und aus der Bereicherung weniger resultiert, scheinen für die Naturwissenschaftler nichts mit den Naturereignissen zu tun zu haben. Gleichwohl ist es für denjenigen, der diese Dinge geistlich beurteilt, unabweislich, dass die Sünde nicht nur die Harmonie der geistlichen, sondern auch die der Beziehungen innerhalb der Natur stört. Es gibt eine unterschwellige Beziehung zwischen dem moralischen Übel und dem in der Natur vorkommenden Übel; und wenn wir von letzterem befreit werden wollen, müssen wir ersteres ablehnen.

Unser auferstandener Herr, Jesus Christus, der zugleich der neue Mensch und Gott ist, ist das Vorbild für den wohltuenden Einfluss des Heiligen auf die Natur. Er hat die leiblichen und die geistlichen Krankheiten geheilt und hat als Wohltäter und Arzt unter den Menschen geweilt. Doch zugleich hat er auch den Aufruhr des Meeres gestillt, die fünf Brote vermehrt und die Fünftausend gespeist und hat so den Zusammenhang zwischen der geistlichen und der natürlichen Harmonie wiederhergestellt. Wenn wir dem natürlichen und dem politischen Unheil abhelfen wollen, so haben wir keine anderen Weg als den Glauben an Christus, den von den Toten Auferstandenen, und die Erfüllung seiner für den Menschen so heilsamen Gebote.

Christus ist auferstanden und hat dadurch auch das vom Menschen entstellte vollkommene Ethos wieder hergestellt, denn er wurde der Erstgeborene unter den Menschen und der Erstvollbringer der Wiedergeburt der Welt und der Natur. Die Botschaft der Auferstehung hat einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität des menschlichen Lebens und die Integrität der natürlichen Welt. Je vollkommener und tiefer wir die Auferstehung Christi in der Tiefe unseres Herzens erleben, desto wohltätiger wird der Einfluss unseres Lebens auf die ganze Menschheit und unsere Umweltsein. Vielleicht haben die Naturwissenschaften die Beziehung zwischen der Wiedergeburt des Menschen und der Erneuerung der Natur noch nicht bemerkt, aber die Erfahrung der Heiligen, die auch unsere Erfahrung sein möge, gibt uns die Gewissheit, ja den empirischen Beweis, dass der in Christus auferstandene Mensch die durch die Sünde zerstörte Harmonie der Naturkräfte tatsächlich wiederherstellt. Der Heilige versetzt durch sein Leben in Christus Berge und bewirkt dadurch das Gute; doch der schlechte Mensch lässt durch seine Gottesfeindschaft ganze Landstriche erbeben, türmt Wellen von ungekannter Mächtigkeit auf und bewirkt dadurch das Böse.

Lasst uns ein Leben führen, das uns der Heiligkeit Christi, des Auferstandenen, nahe bringt, damit wir durch seine Gnade das Toben der natürlichen und der moralischen Wellen stillen, die unsere Welt verheeren.

Im Herrn geliebte Kinder, die Gnade unseres auferstandenen Herrn Jesus Christus sei mit euch allen! Amen!

                                                                    Ostern 2011
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei
Christus, dem Auferstandenen