Weihnachtsbotschaft:
Patriarch Bartholomaios I. ruft “Jahr der Solidarität” aus

Veröffentlicht am von Presse

Zu einem „Jahr der Solidarität“ hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. aufgerufen. In seiner Weihnachtsbotschaft kritisiert der Patriarch die Konzentration des Reichtums in den Händen weniger und die gleichzeitige wirtschaftlichen Verelendung weiter Teile der Weltbevölkerung. Dieses Ungleichgewicht, weltweit als ökonomische Krise bezeichnet, sei in Wahrheit die Konsequenz einer moralischen Krise.

Er hoffe, schreibt Patriarch Bartholomaios, durch das kommende „Jahr der Solidarität“ „hinreichend viele Herzen für dieses Problem der großen und weit verbreiteten Armut zu erreichen, damit sie die notwendigen Maßnahmen ergreifen, die Not der Hungernden und Benachteiligten zu lindern“. Zugleich ruft Bartholomaios I. alle Menschen guten Willens und alle Regierungen zur Zusammenarbeit auf, „um den Frieden des Herrn auf Erden zu verwirklichen“.

 

Wortlaut der Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen

 

+ B A R T H O L O M A I O S

 

durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch, allem Volk der Kirche Gnade, Friede und Erbarmen von Christus, unserem in Bethlehem geborenen Erlöser

 

„Christus wird geboren, verherrlicht Ihn.

 

Christus auf Erden, laßt euch erhöhen.“

 

Lasst uns voller Freude die unsagbare Herabkunft Gottes feiern. Bei dieser Feier gehen uns die Engel voran mit dem Lobpreis: „Ehre sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden, bei den Menschen Wohlgefallen.“

 

Zwar sehen und erleben wir auf der Erde Kriege und Kriegsdrohungen. Doch darum wird die freudige Botschaft nicht etwa aufgehoben. Durch die in Jesus Christus geschehene Versöhnung Gottes mit den Menschen ist in der Tat der Friede auf die Erde gekommen. Jedoch haben wir Menschen uns trotz seines heiligen Willens, unglücklicherweise, nicht miteinander versöhnen lassen. Wir bleiben einander feindlich gesonnen. Hinsichtlich unserer religiösen und politischen Überzeugungen zeichnen wir uns aus durch Fanatismus, hinsichtlich des Erwerbs von Gütern durch Geiz, hinsichtlich der Ausübung politischer Gewalt durch Expansionismus. Und so geraten wir in Konflikte mit unseren Mitmenschen.

Der erleuchtete heilige römische Kaiser Konstantin d. Gr. hat durch sein im Jahr 313 erlassenes Edikt von Mailand verfügt, dass die Christen – ebenso wie die Gläubigen aller anderen Religionen – ihre Religion frei ausüben dürfen. Leider gibt es auch nach den seitdem vergangenen 1700 Jahren weiterhin örtlich begrenzte religiös motivierte Verfolgungen von Christen oder anderen Minderheiten.

Gleichzeitig erfasst der wirtschaftliche Konkurrenzkampf die ganze Welt und das Streben nach kurzfristigem Gewinn wird zum Hauptzweck. Die traurigen Folgen der Konzentration des Reichtums in den Händen weniger und der wirtschaftlichen Verelendung weiter Teile der Weltbevölkerung werden nicht berücksichtigt. Dieses Ungleichgewicht, weltweit als ökonomische Krise bezeichnet, ist in Wahrheit die Konsequenz einer moralischen Krise. Dieser moralischen Krise schenkt die Menschheit leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit. Zur Rechtfertigung dieser Haltung beruft sie sich auf die Freiheit des Handels. Doch diese Freiheit rechtfertigt nicht das Verbrechen. Und Verbrechen ist nicht nur das, was als solches im Strafgesetzbuch bezeichnet wird. Es ist auch jede – wenn auch strafrechtlich nicht relevante – Handlung, die mittels entsprechender Machenschaften andere unbemerkt ihres Reichtums beraubt. Da hier kein Gesetz zur Anwendung kommt, agieren die Betreffenden oft unkontrolliert und erschüttern so den gesellschaftlichen Frieden.

Wir beobachten von unserem Ökumenischen Patriarchat aus „die Zeichen der Zeit“, dass allenthalben „Kriege und Unruhen“ vernommen und erlitten werden, dass sich Volk gegen Volk und Reich gegen Reich erhebt, dass es gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte gibt, schreckliche Dinge geschehen und man am Himmel gewaltige Zeichen sieht (vgl. Lk 21,10ff.). Wir erfahren real, was der hl. Basilius von den zwei Formen der Liebe schreibt: „Einerseits empfindet sie Trauer und Betroffenheit, weil sie sieht, dass der Geliebte Schaden erleidet; andererseits freut sie sich und setzt sich ein zu seinem Nutzen … Wer nicht so gesonnen ist, der liebt offensichtlich seinen Bruder nicht.“ (Basilius d. Gr., Kurzgefasste Vorschriften, MPG 31,1200A) Deshalb proklamieren wir von diesem heiligen Sitz und Zentrum der Orthodoxie aus das bevorstehende neue Jahr als Jahr der Solidarität aller Menschen.

Wir hoffen, auf diese Weise hinreichend viele Herzen für dieses Problem der großen und weit verbreiteten Armut zu erreichen, damit sie die notwendigen Maßnahmen ergreifen, die Not der Hungernden und Benachteiligten zu lindern.

In unserer Eigenschaft als geistlicher Vater und kirchlicher Führer rufen wir alle Menschen guten Willens und alle Regierungen dazu auf, zusammenzuarbeiten, um den Frieden des Herrn auf Erden zu verwirklichen. Wir meinen den Frieden, den die Engel verkündet haben und den das Kind Jesus uns gebracht hat. Die Sehnsucht nach diesem wahren Frieden, der alles Begreifen übersteigt, verpflichtet uns, ihn durch Taten zu erstreben, indem wir uns der geistlichen und der materiellen Ohnmacht des Mitmenschen, für den Christus in diese Welt herabgekommen ist, annehmen.

Liebe und Frieden sind Kennzeichen der Jünger und Apostel des Herrn und jedes Christen. Darum rufen wir uns selbst und einander dazu auf, uns -persönlich und als Völker – in diesem Jahr der Solidarität aller Menschen bewusst alles zu tun, die unmenschlichen Folgen des großen Ungleichgewichts zu lindern und uns dafür einzusetzen, dass das Recht der Schwächeren auf die ungehinderte Inanspruchnahme der für das menschliche Leben unumgänglich notwendigen Güter von allen anerkannt werde.

Auf diese Weise werden wir sehen, wie der Friede auch auf Erden im Rahmen des dem Menschen Erreichbaren Wirklichkeit wird.

Indem wir mit der ganzen materiellen und geistigen Schöpfung den Hervorgang des Sohnes und Wortes Gottes aus der Jungfrau verehren und vor dem Kind Jesus, unserem Licht und Heil, dem Beschützer unseres Lebens, die Knie beugen, fragen wir uns zugleich mit dem Sänger der Psalmen: Vor wem sollten wir uns fürchten? – oder: Vor wem sollte es uns ängsten? (vgl. Psalm 26,1 LXX); denn als Christen wissen wir, dass uns „heute der Heiland geboren wurde“ (Lk 2,11), „der Herr der Mächte und König der Herrlichkeit“ (Psalm 23,10 LXX).

Wir bitten und beten inständig und aus ganzem Herzen, das bevorstehende Jahr sei für alle ein Jahr der Solidarität aller Menschen, der Freiheit, der Versöhnung, des Wohlgefallens, des Friedens und der Freude. Das in der Höhle geborene vorewige Wort des Vaters, das Engel und Menschen miteinander vereint und den Frieden auf die Erde gebracht hat, schenke allen Geduld, Hoffnung und Kraft und segne die Welt durch die göttlichen Gaben seiner Liebe. Amen.

Phanar, Weihnachten 2012

+ Bartholomaios von Konstantinopel,

euer aller inständiger Fürbitter bei Gott

 

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